Allgemeine Information zu nicht suizidalem Selbstverletzenden Verhalten

Was sind die gängigsten Missverständnisse zum Thema Selbstverletzung?

Selbstverletzung ist ein missglückter Suizidversuch

Selbstverletzung ist kein Versuch zu sterben. Die meisten Menschen, die sich selbst verletzen, berichten, dass sie es tun um sich danach besser zu fühlen, um ihrem seelischen Schmerz auf diese Weise Ausdruck zu verleihen, oder um sich wieder spüren zu können. Tatsächlich geben manche Menschen, die sich selbst verletzen, an, dass sie es tun würden um suizidale Handlungen zu verhindern. Das NSSV helfe ihnen dabei impulsive Handlungen und Suizidgedanken einzugrenzen oder zu beenden. Obwohl Selbstverletzung und Suizidversuche zwei verschiedene Dinge sind, haben dennoch manche Menschen, mit beidem zu kämpfen.

Die Verletzungen sind nicht schlimm, also ist es nichts Ernstes

Der Schweregrad der Belastung einer Person steht nicht in Verbindung mit dem Schweregrad einer Selbstverletzung. Die Forschung hat gezeigt, dass Selbstverletzung in Zusammenhang mit emotionalen Schwierigkeiten, Stress und manchmal auch Suizidgedanken steht. Daher sollte jegliche Form der Selbstverletzung auch ernst genommen werden.

Selbstverletzung ist nur ein Versuch Aufmerksamkeit zu bekommen

Selbstverletzung dient nicht dem Zweck Aufmerksamkeit zu erlangen. Selbstverletzung erfolgt oft im Geheimen. Manche Menschen, die sich selbst verletzen, sprechen sogar niemals mit irgendjemandem darüber. Wenn sie jemandem davon berichten dann lediglich gegenüber engen Freunden oder sie teilen ihre Erfahrungen online mit anderen Betroffenen. Da viele, die sich selbst verletzen, Schwierigkeiten damit haben, anderen ihre Gefühle zu identifizieren oder sie mitzuteilen, nutzen sie die Selbstverletzung als stellvertretendes Ausdrucksmittel. Zusammenfassend kann NSSV also nicht mit einer Suche nach Aufmerksamkeit gleichgesetzt werden sondern sollte vielmehr als maladaptive Copingstrategie bei negativen Emotionen verstanden werden.

Menschen, die sich selbst verletzen, haben eine Persönlichkeitsstörung

Ungefähr ein Drittel der Jugendlichen, die sich selbst verletzen, weisen keine weiteren psychopathologischen Auffälligkeiten auf. In manchen Fällen, vor allem im Erwachsenenalter, kann NSSV ein Symptom der Borderline-Persönlichkeitsstörung (BPS) sein – eine psychische Erkrankung, die durch ein chronisches Muster an Schwierigkeiten im Umgang mit Emotionen, Impulsivität und instabilen Beziehungen gekennzeichnet ist. Daher kann eine Diagnose einer BPS nicht nur aufgrund von Selbstverletzung gestellt werden sondern es müssen weitere relevante Symptome vorhanden sein. Viele Menschen, die sich selbst verletzen, zeigen allerdings keine dieser BPS-typischen Symptome.

Selbstverletzung ist ein Zeichen dafür, dass jemand missbraucht worden ist

Obwohl NSSV auch bei Jugendlichen auftritt, die Missbrauch erlebt haben, zeigt keineswegs jeder, der missbraucht wurde selbstverletzendes Verhalten und auch nicht jeder, der sich selbst verletzt, wurde in seiner Vergangenheit missbraucht. Es ist sehr wichtig, nicht davon auszugehen, dass Selbstverletzung automatisch ein Indikator für Missbrauch ist.

Menschen, die sich selbst verletzen, können keine Schmerzen empfinden

Menschen, die sich selbst verletzen, fühlen durchaus Schmerzen. Der Zweck von Selbstverletzung kann sogar bei manchen Betroffenen darin bestehen Situationen, in denen sich ein Mensch taub fühlt oder als ob er vom eigenen Körper abgetrennt wäre, ist überhaupt wieder etwas zu spüren auch wenn es Schmerz ist. Allerdings berichten einige davon, dass sie manchmal den Schmerz nicht fühlen können, dass sie sich während der Selbstverletzung von ihrem Körper wie abgetrennt erleben. Dies ist aber nicht immer der Fall. Es gibt Hinweise aus der Forschung, das Leute , die sich häufig selbst verletzen eine erhöhet Schmerzschwelle aufweisen, die aber wieder sinkt, sobald NSSV beendet wird.

Selbstverletzung ist eine Phase oder Teenager-Laune, die von selbst wieder vergeht

NSSV darf nicht mit einem Trend, einer Laune oder Phase gleichgesetzt werden. NSSV ist ein Versuch mit schwierigen Gefühlen und belastenden Ereignissen umzugehen und wird daher oft als „maladaptive Coping-Strategie“ bezeichnet. Die Forschung hat gezeigt, dass NSSV egal zu welchem Zeitpunkt im Leben ein Zeichen dafür ist, dass eine Person Schwierigkeiten hat, die jeweilige Lebenssituation zu bewältigen. Es ist daher hilfreich wirkungsvollere Strategien im Umgang mit Stress oder belastenden Situationen erlernen, die statt des NSSV angewendet werden können. Dies kann sich als schwierig herausstellen, weshalb in vielen Fällen professionelle Hilfe benötigt wird.